Dschinns
Eine Familie, eingeholt von Vergangenheit und Gegenwart
Dreißig Jahre hat Hüseyin in Deutschland gearbeitet, nun erfüllt er sich endlich seinen Traum: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Nur um am Tag des Einzugs an einem Herzinfarkt zu sterben. Zur Beerdigung reist ihm seine Familie aus Deutschland nach. Fatma Aydemirs großer Gesellschaftsroman erzählt von sechs grundverschiedenen Menschen, die zufällig miteinander verwandt sind. Alle haben sie ihr eigenes Gepäck dabei: Geheimnisse, Wünsche, Wunden. Was sie jedoch vereint: das Gefühl, dass sie in Hüseyins Wohnung jemand beobachtet. Voller Wucht und Schönheit fragt ›Dschinns‹ nach dem Gebilde Familie, den Blick tief hineingerichtet in die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte und weit voraus.


Rebekka Linden –
Der Familienroman steckt voller Emotionen, Doppeldeutigkeiten, Gleichnisse und Geheimnisse, welche sich erst nach und nach entfalten und nach dem Beenden des Buches erschließen können. Die wenigen Kapitel geben je die Sichtweise und Leben eines Familienmitgliedes wider, welche ihr Oberhaupt verloren hat. Jedes der Familienmitglieder hat einen großen Schmerz erlitten, welches ihn von der Familie trennt und sie dennoch miteinander verbindet. Durch die vielen verschiedenen Gleichnisse, welche in dem Buch auftreten und die vielen verschiedenen Situationen der Familienmitglieder ist es schwer das Buch in einem durchzulesen.
Das Buch gibt dem Leser viel zum Nachdenken, weswegen es schwierig sein wird, die eigentliche Botschaft auf Anhieb zu erkennen. Der Lesefluss erlebt dadurch jedoch keinen Abbruch, da durch die einfache Sprache das Gefühl geweckt wird, den Inhalt auch schnell verstehen zu können. Zudem erhält der Leser das Gefühl, dass mit jedem Kapitel etwas Neues beginnt und so wird suggeriert, dass es für die Handlung kein Nachteil ist, das Buch für einen Moment zur Seite zu legen und über das Gelesene nachzudenken. Die Schreibweise ändert sich mit jedem Kapitel zum kleinen Maß, um zu zeigen, dass es aus der Sicht der Figur geschrieben ist, oder aus der Sicht des auktorialen Erzählers. Die Thematik des Buches lässt sich nicht auf den ersten Seiten oder auf den ersten Blick erkennen, sodass sich der Leser einige Fragen zum Inhalt stellt und diesen somit auf mehreren Ebenen erlebt. Zudem stellt sich die Thematik als sehr schwere Kost dar, da sie auf jeder Ebene und für jede Figur ein anderes Antlitz hat und dennoch in ihren Grundwerten die Gleiche ist. Die Thematik lässt sich nicht schnell verarbeiten, oder schnell auslesen, sodass der Leser nach dem Beenden des Buches ins Nachdenken kommt und das Buch mit seinen vielen verschiedenen Schichten den Leser nicht loslassen kann.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass dieses Buch eine großartige Parallele zum modernen Leben und dessen Wandel im Blick auf die Gesellschaft aufweist. Das aufgezeigte Familienleben lässt sich gut mit dem Zusammenleben einer Gesellschaft vergleichen und gerade diese Parallelen zu ziehen, macht dieses Buch zu einem großartigen Werk.
Lieselotte Stalzer –
Dschinn bedeutet verdeckt, verborgen, geheim. Das Gefühl, das die Leser:innen entlang des Romans begleitet.
Fatmas Aydemirs „Dschinns“ ist ein Familienroman, erzählt aus der Perspektive seiner sechs Familienmitglieder. Den Anfang macht Hüseyin, der Vater, der sich nach dreißig Jahren harter Arbeit in Deutschland den Traum einer Eigentumswohnung in Istanbul erfüllt „Hüseyin – weisst du wer du bist, Hüseyin, wenn du die glänzenden Konturen deines Gesichts im Glas der Balkontür erkennst? … Vielleicht, denkst du, vielleicht war jede Hürde du jeder Zweispalt in diesem Leben nur dazu da, um irgendwann hier oben zu stehen und zu wissen: Ich habe mir das verdient.“ Er stirbt unerwartet an einem Herzinfarkt. Die Familie reist zur Beerdigung in die Türkei, zwei Kinder kommen zu spät, der Leichnam musste innerhalb eines Tages begraben werden.
„Dschinns“ entwickelt sich an den Lebensgeschichten der vier Kinder sowie der Mutter Emine. Die Familie ist entzweit, gehütete Geheimnisse, gefühlte Verletzungen und offen gebliebene Wünsche machen den Umgang miteinander, trotz des traurigen Anlasses, (fast) unmöglich. Was sie dennoch verbindet, ist das Gefühl, in der Wohnung beobachtet zu werden (der erste Hinweis auf einen Dschinn?). Dieser Ort ist auch in weiten Teilen der Rahmen für das als Kammerspiel angelegte Buch.
Alle Personen ergreifen das Wort und erzählen von ihrer Kindeheit, Jugend und den Vater. Unvereinbarkeiten in den Erzählungen tun sich auf, reiben sich aneinander. Jede(r) bekommt Raum, egal wie lange sie/er schon nicht mehr an den Vater gedacht hat. Zwei Personen – Hüseyin und Emine – werden durch eine innere Stimme vertreten, die ihre vor dem Ehepartner versteckten Gedanken aufgreift. „Ich bin die Kluft zwischen deinem Glauben und deinem Handeln. Ich bin der Widerspruch zwischen dem Bild, das du von dir selbst hast, und dem Gesicht, das du den anderen zeigst.“ (wieder ein Hinweis auf einen Dschinn?)
Aydemirs Roman greift aktuelle und konfliktbehaftete Themen auf: Rassismus im täglichen Leben, Diskriminierung, Ausgrenzung und Nationalismus. Literarisch werden nicht nur die Probleme meist ‚sprachloser‘ Migrat:innen angesprochen, sondern auch unserer autochtonen Gesellschaft.
Fatmas Aydemirs Roman ist weit mehr als ein Familienroman. Er kann als politisches Statement für zukünftige Diskussionen, wie die Gesellschaft und jede/r Einzelne mit Migrant:innen umgehen soll(te) gesehen und gelesen werden. Die Charakterisierung der Figuren ist gelungen. Je nach erzählender Figur – man kann sich in diese hineinversetzen.