Die Austernfischerin
»Hallo. Es klingt wie eine Frage. Hallo?
Hendrick tritt noch einen Schritt auf sie zu und umarmt sie, dann sagt er: Das ist Lydia. Lydia, das ist Elna, meine Mutter.«
Celine Edingers Roman erzählt sinnlich und bildstark von Intimität und Tabubruch, fragt, ab wann sich Grenzen verschieben, und ergründet das Gefühl, von einem Menschen wirklich gesehen zu werden.


Lieselotte Stalzer –
Ein junges Paar, Lydia und Hendrick verbringen ihren Urlaub im Haus seiner Mutter Elna. In ihrem Haus an der dänischen Nordküste werden die Spannungen zwischen Mutter und Sohn deutlich. Auch die Beziehung zwischen Lydia und Hendrick ist angespannt. Als Hendrick erfährt, dass er bei einer Prüfung durchgefallen ist, muss Lydia untertags alleine etwas unternehmen. Als sie Elna fragt, ob sie ihr bei der Austernernte helfen will, nimmt sie zögernd an. Auf den kargen Sandbänken und des oft extremen Wetters, ist Elna eine andere, eine, die nur wenige Menschen an ihr kennen. Langsam baut sich ein vertrauliches, sinnliches Verhältnis zwischen den beiden Frauen auf, während jenes zwischen Hendrick und Lydia immer schwieriger wird.
Celine Edinger kommt mit wenigen Figuren aus. Die Handlung wird immer aus der Perspektive von Lydia erzählt. Die Nebendarsteller, wie z.B. August, ein Freund Hendricks, werden geschickt eingesetzt, um die Charaktere zu vertiefen. Der Erzählstil ist ruhig und bildhaft, die Autorin schneidet manches nur an und erzählt nicht alles. Dadurch wird die Vorstellungskraft der Leser:innen auf sehr angenehme Weise angeregt.
Die Geschichte lebt auch durch die Beschreibung der rauen dänischen Nordseeküste. Von der Autorin gewollt (oder auch nicht?) bewegen sich die Textpassagen über die Natur beschreibend und beobachtend, nahe dem Genre des Nature Writings. Die Dialoge sind knapp und kursiv gesetzt, was den Lesefluss etwas unterbricht.
„Die Austernfischerin“ ist im Großen und Ganzen ein gelungenes Debüt, das ohne viel Inhalt auskommt. Herausstechend sind die von Celine Edinger verwendeten Metapher, wie z.B. ein heraufziehender Sturm, der nicht nur real, sondern sich auch im Verhältnis der Figuren zueinander abzeichnet. Die Ernte der Austern, die immer wieder erzählt wird, kann als eine Anspielung auf unsere kapitalistische Welt gesehen werden. Das Ende dieser außergewöhnlichen Familiengeschichte ist stimmig, hätte aber meiner Meinung nach nicht ausgesprochen werden müssen.