Blinde Flecken
Vittorias Tod trifft die ehrgeizige und eigensinnige Anwältin Lea völlig unerwartet. Vittoria soll in ihrer Badewanne ertrunken sein. Doch wie konnte es dazu kommen? Lea glaubt nicht an einen Unfall, und so beginnt sie, Nachforschungen anzustellen. Von dem Tag an, als Vittoria in der italienischen Kleinstadt Scauri auftauchte und gemeinsam mit einer Frau namens Mara ein altes Haus bezog, war Lea von ihrer schillernden Persönlichkeit fasziniert. Nach und nach versucht sie, mehr über ihr Leben herauszufinden, spricht mit dem Apotheker, bei dem Vittoria als versierte Heilpflanzenkennerin arbeitete, mit dem Pfarrer, mit Vittorias Ex-Mann und natürlich mit Mara, der Frau, mit der Vittoria zusammenlebte. Je mehr Lea über Vittorias facettenreiche Vergangenheit in Erfahrung bringt, desto besser lernt sie sich selbst kennen und muss schließlich ihr eigenes geordnetes Leben mit ihrem Mann und den zwei Kindern infrage stellen.


Lieselotte Stalzer –
Die italienische Autorin Chiara Valerio hat ihren Roman “Blinde Flecken” in ihrem Heimatort Scauri angesiedelt. Scauri ist ein kleiner süditalienischer Ort mit rund 7.000 Einwohnern in der Region Lazio. Vittoria ist der Mittelpunkt in Chiara Valerios Roman. Am Anfang des Romans steht der Tod von Vittoria, einer zugewandten aber zugleich auch reservierten, ausweichenden Frau, denn die Einwohner von Scauri „wussten von Vittoria nur das, was sie [sie] wir sahen. … Alle gaben wir uns mit dem zufrieden, was wir direkt vor Augen hatten.“ Als sie in den 1970er Jahren in die kleine Gemeinde zieht, kommt sie bei allen Einwohnern gut an. Sie kauft ein Haus und ein Boot, arbeitet in der Apotheke und lebt mit der viel jüngeren Mara zusammen, die eine Hunde-und Katzenpension aufgemacht hatte. Sie ist gastfreundlich und dieses Haus mit dem wunderschönen Garten steht allen offen.
Vittoria wird tot in der Badewanne aufgefunden. Die Anwältin Lea glaubt nicht an einen Unfall, denn wieso sollte eine ausgezeichnete Schwimmerin in der Badewanne ertrinken? Sie beginnt Nachforschungen anzustellen und stößt auf einige „blinde Flecken“ in Vittorias Biografie. Einer davon ist Vittorios Ehemann, der bei der Testamentseröffnung in Scauri auftaucht und bisher unbekannte Facetten aus Vittorias Leben erzählt.
Bei der Suche nach Antworten geht es auch um das Finden von Wahrheit. „Nicht was ist wahr?, sondern wann ist etwas wahr? Wann ist etwas wahr, und wann hört es auf wahr zu sein? Oder wann wird etwas Falsches wahr? … Je nachdem, wann man man darauf schaut, ändert sich die Wahrheit.“
Je mehr Lea über Vittorias facettenreiche Vergangenheit in Erfahrung bringt, desto besser lernt sie sich selbst kennen und stellt schließlich ihr eigenes geordnetes Leben mit ihrer Familie infrage. Vittorias Worte geistern in Leas Kopf „Das hat mit Liebe nichts zu tun, Lea, sondern mit Besitzdenken, mit dem Markieren eines Reviers. Es beginnt schon in der Familie. Ich sage nur, dass wir alle, weil wir in Familien gelebt haben, wissen, dass Skrupel bei dem Gedanken entstehen, dass man noch ein anderes Leben hat, egal, welches.“
Stück für Stück rekonstruiert Chiara Valerio die Vergangenheit von Vittoria. Es ist ein vielschichtiger Roman, den man nicht nebenbei lesen kann, denn er wirft viele Fragen auf, den man sich als Leser:in nicht entziehen kann. Und die Toten – so schreibt es Chiara Valerio in ihrem Nachwort über den Tod ihrer Freundin – sind immer mitten unter uns.
Ein großes Lob gilt auch der Übersetzerin Christiane Burkhardt, die die Gefühlswelt der Figuren sehr empathisch ins Deutsche übersetzt hat. In Italien wurde dieser Roman für den renommierten Literaturpreis Premio Strega nominiert. Absolute Leseempfehlung.