Aus anderem Holz

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Gegen Ende der Achtzigerjahre stürzt in einem italienischen Küstenort ein Friedhof ins Meer. Eine Urne, die an den Strand gespült wird, gibt ein Geheimnis preis: Der fünfundzwanzigjährige Pinò erfährt, dass sein Vater vor ihm schon einen anderen Sohn hatte. Als Pinò bewusst wird, dass er immer nur als Ersatz gedacht war, beginnt er die verschwiegene Vergangenheit seines Vaters zu erforschen. Doch dabei riskiert er, dass auch sein eigenes Geheimnis aufgedeckt wird. Die rätselhaften Merkmale seines Körpers drohen ihn zu verraten: Sein Bauchnabel fehlt, seine Stimme erzeugt keinen Widerhall, sein Atem hinterlässt in der Kälte keine Spur. Denn Pinò war nicht immer ein Mensch. <br/><br/> In ‘Aus anderem Holz’ interpretiert Giuliano Musio den Pinocchio-Stoff neu. Aus der Puppe ist ein junger Mann geworden, aber das Menschsein ist ihm fremd geblieben. Ein Roman über die Last der Herkunft und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung.

Autor: Giuliano Musio ISBN: 978-3-903422-79-7 Kategorie: Schlüsselwort:
Luftschacht , 2026
Hardcover , 277 Seiten
Produkt-ID:11114

1 Bewertung für Aus anderem Holz

  1. Bewertet mit 5 von 5

    Lieselotte Stalzer

    Die aus Holz geschnitzte und lebendig gewordene fiktive Figur Pinocchio, ist eine Symbolfigur für (italienischer) Kinder. Die Geschichten von Carlo Collodi, dem Autor der Erzählungen, verkörpern den Drang junger Menschen erwachsen zu werden und den eigenen Weg zu finden.
    Giuliano Musios Roman „Aus anderem Holz“ beginnt fulminant. Im Jahr 1988 rutscht in einer kleinen toskanischen Stadt ein Friedhof von einer Klippe, ein alter Mann springt hinterher. Es ist Giuseppe „Geppetto“ Fabbri. Bis zu diesem Tag konnte Geppetto sein Geheimnis bewahren. Doch als der Geistliche des Ortes Geppetto die aus dem Meer gerettete Urne seines ersten Sohnes Pinuccio überbringt, erfährt Pinò zum ersten Mal von seinem Bruder. Und er hat Angst, seinen menschlichen Körper wieder zu verlieren.
    War es bei Collodi die blaue Fee, die den neugierigen Jungen zum Leben erweckt hat, ist es bei Musios Roman die Madonna Turchina, die Geppetto zu dem Holz führt, in dem Pinò verborgen war. „Weil die Geppetto aus seiner Einsamkeit holen wollte, leitete sie ihn an, eine Puppe daraus zu schnitzen. … Schon während der Arbeit regte sich das Holz unter Geppettos Händen, ungeduldig, nach der langen Starre.“

    Mit seinem Vater, nach dem Sprung ins Meer ein Pflegefall geworden, macht sich Pinò auf den Weg in dessen Heimatort, in der Hoffnung, seine Lebensgeister noch einmal zu wecken. Im Dorf in der Nähe von Bergamo wird Pinò für seinen verstorbenen Bruder gehalten, dem er äußerlich gleicht. Seine wahre Identität und die vielen ungewöhnlichen Merkmale muss er verstecken. Immer wieder fragt er sich, ob man an seinem Gang, seinen Handbewegungen oder an seiner Stimme erkennt, wer er wirklich ist. „Er kann die Wahrheit aus den Worten tilgen, aber nicht aus dem Körper.“ Pinòs Stimme erzeugt kein Echo und ihm fehlt ein Bauchnabel. Aber es gibt auch weitere Geheimnisse in der Vergangenheit, auf die Pinò stößt und die der Handlung eine thrillige Wendung geben.
    Aus der klassischen, märchenähnlichen Erzählung von Collodi ist mit dem Erwachsenwerden der Figur ein zeitgemäßer, aktueller Coming-of-Age Roman geworden. Musio greift Fragen nach Schuld und Wahrheit auf und verbindet sie mit der italienischen Politik der 1980er Jahre, geprägt von Terrorismus und den Roten Brigaden sowie den sozialen Veränderungen. Meist kurze Sätze und einprägsame Dialoge kennzeichnen Musios Schreibstil.

    „’Ich bin nicht Pinuccio.’“ Eine Nominierung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026 wäre vielleicht eine Überraschung, aber mehr als gerecht.

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