Die Libanonzeder
›Cedrus libani‹, so heißt der Baum, der seit Jahrtausenden die Geschichte der Menschheit begleitet. Schon die Phönizier verehrten ihn, wie sollten sie auch nicht? Ein Baum, der so alt werden kann, hat viel zu erzählen. Und so erkundet Raffaella Romagnolo nicht nur das Wesen dieses besonderen Baums, sie zeigt auch in vier Episoden, wie die kleinsten Momente Leben verändern können und was der Halt bedeutet, den die Wurzeln der Libanonzeder versprechen.


Lieselotte Stalzer –
Die italienische Autorin Raffaella Romagnolo hat mit dem exklusiven, aber leider viel zu dünnen Erzählband „Die Libanonzeder“ dem literarischen Genre Nature Writing ein starkes Bekenntnis zur Natur und damit zur Zukunft der Menschheit hinzugefügt.
Der Verlag der italienischen Originalausgabe hatte Autorinnen und Autoren aufgerufen,
Bäume als Protagonisten zu wählen. Die Libanonzeder als Symbol für Macht, Erhabenheit und Schutz steht im Mittelpunkt der vier Geschichten von Romagnolo und verbindet die Protagonist:innen, die an Wendepunkten ihres Lebens stehen.
In der ersten Geschichte flieht die 15-jährige Hotti vor ihrer Familie, um ihrem Geliebten über das Gebirge und durch den großen Zedernwald ans Meer zu folgen. Die zweite Erzählung führt nach Pisa im Jahr 1787, wo der Präfekt des Botanischen Gartens, Giorgio Santi, höchstpersönlich eine Libanonzeder anpflanzt. In der dritten Geschichte möchte eine junge, vom Tod ihres Mannes tief getroffene Gräfin eine – bei ihrer Hochzeit 1856 gepflanzte – Libanonzeder fällen, bevor sie das Weingut im Piemont verlässt. In der Gewitternacht vor ihrer Abreise greift sie zur Axt. Die vierte Handlung wiederum spielt in ferner Zukunft, wo nach einer Umweltkatastrophe die Reste ehemaliger Vegetation gesucht werden. Mit seiner Einmannkapsel macht Kommandant Lars Nyman im nördlichen Libanon eine sensationelle Entdeckung.
Zu Beginn und zwischen den Geschichten gibt es kurze, poetische Einschübe zum Lebenszyklus dieses einzigartigen Baumes. Von Romagnolo war die Wahl der Libanonzeder für ihre vier Erzählungen vermutlich beabsichtig, denn in Mitteleuropa, wo dieser Baum bis jetzt kaum verbreitet ist, könnte diese trocken- und hitzetolerante Art zukünftig Baumarten, die der Klimawandel verdrängt, ablösen.
Auf der Website des Diogenes Verlags spricht Philipp Keel über die Bücher der neuen Reihe „Tapir“. „… Es sind Bücher, die uns wach, aber auch gelassen machen“. In diesem Sinn lässt uns „Die Libanonzeder“ nachdenklich, wie optimistisch zurück.