Das flüssige Land

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(2 Kundenrezensionen)

»Raphaela Edelbauer überschreitet Grenzen und rückt in unerforschte Gebiete der Literatur vor.«
Jurybegründung Rauriser Literaturpreis

Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die über die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde regiert. Ein Loch im Erdreich, das die Bewohner in die Tiefe zu reißen droht. In ihrem schwindelerregenden Debütroman geht Raphaela Edelbauer der verdrängten Geschichte auf den Grund.

Der Unfalltod ihrer Eltern stellt die Wiener Physikerin Ruth vor ein nahezu unlösbares Paradox. Ihre Eltern haben verfügt, im Ort ihrer Kindheit begraben zu werden, doch Groß-Einland verbirgt sich beharrlich vor den Blicken Fremder. Als Ruth endlich dort eintrifft, macht sie eine erstaunliche Entdeckung. Unter dem Ort erstreckt sich ein riesiger Hohlraum, der das Leben der Bewohner von Groß-Einland auf merkwürdige Weise zu bestimmen scheint. Überall finden sich versteckte Hinweise auf das Loch und seine wechselhafte Historie, doch keiner will darüber sprechen. Nicht einmal, als klar ist, dass die Statik des gesamten Ortes bedroht ist.

Wird das Schweigen von der einflussreichen Gräfin der Gemeinde gesteuert? Und welche Rolle spielt eigentlich Ruths eigene Familiengeschichte? Je stärker sie in die Verwicklungen Groß-Einlands zur Zeit des Nationalsozialismus dringt, desto vehementer bekommt Ruth den Widerstand der Bewohner zu spüren. Doch sie gräbt tiefer und ahnt bald, dass die geheimnisvollen Strukturen im Ort ohne die Geschichte des Loches nicht zu entschlüsseln sind.

Autor: Raphaela Edelbauer ISBN: 978-3-608-96436-3 Kategorie: Schlüsselworte: , ,
Klett-Cotta , 2019
Hardcover , 350 Seiten
Produkt-ID:4082

2 Bewertungen für Das flüssige Land

  1. Bewertet mit 5 von 5

    Lieselotte Stalzer

    Nach dem Unfalltod ihrer Eltern, macht sich Ruth überstürzt auf den Weg, um das Begräbnis im Heimatort ihrer Eltern zu organisieren. Weder auf einer Landkarte noch im österreichischen Grundbuch verzeichnet, verschließt sich Groß-Einland vor dem Gefunden werden. Ruth möchte ihre Reise schon abbrechen, als sie bei einer kleinen Tankstelle einen Mann über diese Ortschaft sprechen hört. Sie folgt diesem und nach einer abenteuerlichen Fahrt trifft sie am Abend dort ein. „Eine alte, österreichische Stadt […] eine Bäckerei, an deren Toren eine glänzende Brezel wippte, eine Friseurstube mit eisener Scherenstatute in der Auslage [aber] neben diesem scheinbar florierenden Einzelhandel […] führte der Gehsteig hinab, als hätte ein riesenhafter Mund aus dem Untergrund an der Befestigung der ganzen Straße gesaugt.“

    Edelbauer beschreibt auf den folgenden dreieinhalb Seiten die geologischen Umstände des „unbeherrschbaren Lochs“ als einen Schlund, in dessen Schächten 1939 Munition für den 2. Weltkrieg produziert wurde sowie eine Nebenstelle des KZ Mauthausen eingerichtet war.

    Die Gemeinde liegt auf dem Privatgrund einer Gräfin, die die Bewohner des Ortes sehr schlau manipuliert. Groß-Einland „ist ein empfindsames Nervensystem, auf dessen Wegen unablässig Informationen hin und her transportiert werden. […] Alles was aus der Stadt kommt, passiert das Schloss und umgekehrt.“ Uns bekannte Supermärkte mit Markenprodukten gibt es in diesem Ort nicht, ebenso kein Internet oder eine Bank mit Bankomaten.
    Trotzdem bekommt Ruth allmählich das Gefühl in diesem seltsamen Ort angekommen zu sein. Sie findet ein leerstehendes zum Verkauf angebotenes Haus und, wie durch Zufall, ist die Kaution für Maklers bereits bezahlt: von der Gräfin. Die Summe für den Kauf des Hauses wird durch Leihe des Betrags bei einem Bewohner des Orts aufgebracht. „Man leiht sich etwas und beschuldet den Schuldner des eigenen Schuldners. […] Kaufverträge, Mieten, Leihen. Das landet ohnehin direkt auf dem Tisch der Gräfin. Und da es keine Bankomaten bei uns gibt, wir die Abhebung quasi verteilt.“

    Die Bewohner Groß-Einlands sind sehr einfallsreich darin, mit dem Einsinken der Stadt zu leben und eine positive Einstellung zu bewahren. Sind Gehwege am Hauptplatz aufgrund der Erdbewegung nicht mehr passierbar, wählt man einfach eine andere Route, um ans Ziel zu gelangen. Vielleicht gelingt dies auch nur, weil sie die Augen vor der Vergangenheit verschließen, im (un-)bewussten Einvernehmen aller mit den damals begangenen Taten.

    „Das flüssige Land“ ist aus der Perspektive Ruths erzählt. Doch Edelbauer lässt ihre Leserinnen und Leser noch weitere, von Ruths Wahrnehmungen abweichende Facetten und Interpretationen der Geschehnisse entdecken. Wortgewandt und ausdrucksvoll lässt die Autorin mentale Vorstellungsbilder entstehen, lässt offen ob sie wahr oder fiktiv sind. „Es gehört zu den rätselhaftesten Facetten der menschlichen Existenz, wie schnell wir in der Lage sind, uns zu adaptieren und das soeben noch Bizarre als gegeben hinzunehmen.“

    Ein großartiger Roman, der sich kritisch mit Heimat und Zeit auseinandersetzt.

  2. Bewertet mit 5 von 5

    Andrea Meyer

    Raphaela Edelbauer: Das flüssige Land
    Eine Geschichte ein bißchen wie ein altes Märchen. Eine Frau sucht nach dem Tod der Eltern deren Geburtsort und gelangt in eine kleine Stadt hinter den Bergen. Nur durch Zufall findet die Erzählerin den Weg und am Ziel eine Welt voller Widersprüche. Die Gebäude sind alt und doch neu, die Menschen modern und doch wie aus einem anderen Jahrhundert und die Zeit folgt ihren eigenen Regeln. Das Leben der Einwohner wird dabei bestimmt durch ein großes schwarzes Loch in der Mitte der Gemeinde, das sich immer weiter ausdehnt und alles zu verschlingen droht. Dieser Ort umfängt die Erzählerin auf fast magische Weise und anstatt wie vorgesehen gleich wieder abzureisen, bleibt sie und begibt sich auf Spurensuche zur Geschichte der Eltern und zur Geschichte dieses seltsamen Ortes, der so wundersam erscheint, so verrückt und doch so wahrhaftig, wie im Märchen eben. Oder wie im richtigen Leben.

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