Klartext
In einem Internat für Gehörlose kreuzen sich schicksalhaft die Wege einer Lehrerin und dreier Jugendlicher. Charlie, die rebellische Neue an der River Valley School, kämpft mit ihren Gefühlen und damit, sich verständlich zu machen, denn bisher hatte sie keinen Kontakt zur Gemeinschaft der Gehörlosen. Austin gilt als Überflieger, doch seine Welt gerät ins Wanken, als seine kleine Schwester hörend geboren wird. Und Schulleiterin February Waters weigert sich zu akzeptieren, dass ihre Schule schließen muss – und ihre Ehe womöglich vor dem Aus steht. Als Charlie und Austin zusammen mit einem weiteren Schüler aus dem Internat verschwinden, beginnt für February ein Wettlauf gegen die Zeit. Dies ist eine Geschichte über Gebärdensprache und Lippenlesen, erste Liebe und Herzschmerz und vor allem über große Beharrlichkeit, Wagemut und Lebensfreude. Eine unvergessliche Reise in die Gemeinschaft der Gehörlosen und ein Fest der menschlichen Verbundenheit.Der neue Roman von Sara Nović, die selbst gehörlos ist, entführt Leser*innen in die ebenso spannende wie zerbrechliche und widersprüchliche Welt der Gehörlosen, in der vieles auch nicht anders ist als unter Hörenden und die dennoch ganz eigenen Regeln unterliegt.


Lieselotte Stalzer –
Die rebellische 15-jährige Charlie Serrano wechselt nach jahrelangem Besuch einer öffentlichen Schule an die River Valley School für taube bzw. schwerhörige Schüler:innen.
Charlie ist eine gehörlose Schülerin. Ihre hörende Mutter hat die Taubheit ihrer Tochter nie akzeptiert und dachte, ein Cochlea-Implantat könnte alle Probleme lösen. Charlie kämpft mit ihren Gefühlen und v.a. damit, sich verständlich zu machen, denn bisher hatte sie keinen Kontakt zur Gemeinschaft der Gehörlosen. Sie beginnt die American Sign Language (ASL) uu lernen und entdeckt die Freuden und Herausforderungen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die eine Sprache spricht, die sie verstehen kann. Sie freundet sich mit Austin an, der in der fünften Generation gehörlos ist. Im Gegensatz zu Charlie, deren hörenden Eltern davon abgeraten wurde, ihrer Tochter die ASL beizubringen, wuchs Austin mit der Gebärdensprache auf und war von einer eng verbundenen gehörlosen Familie und Freunden umgeben. Die Ankunft einer kleinen, hörenden Schwester bringt sein Sicherheitsgefühl jedoch ins Wanken. February Waters ist Schulleiterin, selbst ein Kind gehörloser Erwachsener und setzt sich vehement für ihre Schüler ein. Sie kann nicht akzeptieren, dass ihre Schule am Ende des Jahres schließen muss und das Schicksal der Kinder ungewiss ist. Eines Tages verschwinden Charlie und Austin zusammen mit einem weiteren Schüler aus dem Internat.
Im Original heißt das gut übersetzte „true biz“. was in der ASL soviel wie „ernsthaft“ heißt. Die Übersetzung ins Deutsche -„Klartext“- verdeutlich ebenfalls sehr eindringlich, dass eine gemeinsame Sprache unerlässlich für das Selbstwertgefühl und Glück einer Person ist. Sara Nović nimmt Leserinnen und Leser in die Welt und die Sprache der Gehörlosen mit, fügt kurze Lektionen in ASL ein (illustriert von der gehörlosen Grafikerin Brittany Castle) und erzählt von einer Gehörlosengemeinde in Martha’s Vineyard im 19. Jahrhundert, von den Protesten an der Gallaudet University, die zu ihrem ersten gehörlosen Präsidenten führten, und von Eyeth, einer mythologischen Utopie in der Gehörlosen-Erzähltradition, die das Auge und nicht das Ohr in den Mittelpunkt stellt. Nicht zuletzt vermittelt die Autorin die Bedeutung von Bildung und ein Verständnis für marginalisierte Gruppen einer Gesellschaft.
Ein wunderbarer Coming-of-Age Roman, der von der authentischen Charakterisierung der Figuren getragen ist. Dass die Autorin selbst gehörlos ist und aus eigener Erfahrungen schreibt, verleiht dem Roman seine hohe Glaubwürdigkeit.