Betrug
Die gefeierte Bestsellerautorin Zadie Smith überrascht mit einem literarischen historischen Roman, der sich um einen der bekanntesten Gerichtsfälle Englands dreht: Der Tichborne-Fall, der Arm gegen Reich aufwiegelte.
London 1873. Mrs. Eliza Touchet ist die schottische Haushälterin und angeheiratete Cousine des einstmals erfolgreichen Schriftstellers William Ainsworth. Eliza ist aufgeweckt und kritisch. Sie zweifelt daran, dass Ainsworth Talent hat. Und sie fürchtet, dass England ein Land der Fassaden ist, in dem nichts so ist, wie es scheint.
Mit ihrer Schwägerin besucht sie die Gerichtsverhandlungen des Tichborne-Falls, in der ein ungehobelter Mann behauptet, der seit zehn Jahren verschollene Sohn der reichen Lady Tichborne zu sein. Andrew Bogle, ehemaliger Sklave aus Jamaika, ist einer der Hauptzeugen des Prozesses. Eliza und Bogle kommen ins Gespräch und der Wahrheit näher. Doch wessen Wahrheit zählt?
Basierend auf realen historischen Ereignissen ist »Betrug« ein schillernder Roman über Wahrheit und Fiktion, Jamaika und Großbritannien, Betrug und Authentizität und das Geheimnis des Andersseins.


Lieselotte Stalzer –
“Betrug“ von Zadie Smith ist der erste historische Roman der Autorin und spielt im viktorianischen England. Er greift ein Gerichtsverfahren um Erbschleicherei auf, das im 19. Jahrhundert für riesiges Aufsehen sorgte.
Eliza Touchet ist die schottische Haushälterin und angeheiratete Cousine des Schriftstellers William Ainsworth. Durch sie erfährt man von dem bekannten Tichborne Prozess, der in den 1860 und 1870er Jahren verhandelt wurde. Da es bei Tichborne um ein jährliches Einkommen von 20.000 Pfund ging, war das geradezu eine Einladung für Hochstapler. Ein Metzger namens Arthur Orton aus Wapping erhob den Anspruch in Wahrheit der tot geglaubte Roger Tichborne zu sein.
Die Geschichte machte Schlagzeilen und rief starke zwiespältige Emotionen hervor. London ist besessen von dem Prozess, auch der Haushalt der Ainsworths sind keine Ausnahme. Smiths ist weniger am historischen Prozess selbst interessiert, sondern thematisiert die sogenannte Beweiskraft der öffentlichen Meinung. Wessen Zeugenaussage gilt als glaubwürdig? Diese Fragen treiben „Betrug“ voran, denn die Kapitel reichen von 1830 bis 1873 und beschreiben die sich überschneidenden Leben der Protagonisten.
Als Leser:in sitzt man mit Eliza Touchet im Gerichtssaal und erlebt, wie die Massen Partei ergreifen für den Anwärter auf das Vermögen, der dreist behauptet, der tot geglaubte Sohn zu sein. Vor allem die Ärmsten der Armen wollen, entgegen aller Argumente glauben, einen echten Tichborne vor sich zu haben. Eliza Touchet lernt auch Andrew Bogle kennen, den Diener des angeblichen Sirs Roger Tichborne, einen ehemaligen Sklaven aus Jamaika, der als Hauptzeuge im Prozess auftritt. Eliza, überzeugte Kämpferin für die Abschaffung der Sklaverei, ist fasziniert von dem Mann, der ihr seine Lebensgeschichte erzählt. Bis zum Schluss bleibt die Frage: Was ist Wahrheit? Und was ist Betrug?
Zadie Smith ist eine brillante Autorin. Ihre Wortgewandtheit in einer der Zeit angemessenen Sprache (Dank hervorragender Übersetzung) vermag zu fesseln. Smith Blick auf verschiedene Gesellschaftsschichten und ihre Sichtweisen ist detailliert, manchmal auch etwas ausschweifend.
Menschenrechte, Kolonialismus, Frauenrechte, Privilegien von Weißen im Gegensatz zu Schwarzen sind die zentralen Themen der Geschichte. Die unterschiedlichen Zeitebenen und die teils sehr kurzen Kapitel sorgen für Abwechslung und Spannung. Und Zadie Smith zeigt auch, dass Populismus und Fake-News keine Erfindung der heutigen Zeit sind.